3.09.2008

Ein Buch ist zu empfehlen

Ich hatte das kleine Bändchen Erzählungen "Erste Liebe und anderes" gerade zu Ende gelesen und den festen Vorsatz gehabt, am nächsten Tag eine Rezension zu schreiben. Der nächste Tag war der 24. Februar, mein Geburtstag. Also beschloss ich, die Arbeit noch um einen Tag zu verschieben. Und während ich mit Freunden auf mein Wohl trank, verstarb Günther Rücker in Meiningen an eben diesem Tag. Aus seiner Feder stammten die bei "edition schwarzdruck" Berlin erschienenen und im oben genannten Bändchen vereinten sechs Erzählungen (illustriert mit Kaltnadelradierungen von Roland Berger). Natürlich wusste ich, wer Günther Rücker war. In jungen Jahren sah ich im DDR-Fernsehen "Der Fall Gleiwitz". Gemeinsam mit Wolfgang Kohlhaase hatte Rücker das Filmdrehbuch geschrieben. Und nachdrücklicher in Erinnerung ist mir "Hilde, das Dienstmädchen" gegen Ende der DDR. Jetzt nun geht es um Erzählungen, die es eigentlich gar nicht geben würde, hätte Rücker seine an seinem 80. Geburtstag erklärte Absicht wahr gemacht, nichts mehr schreiben zu wollen. Obwohl krank, raffte er sich auf und schrieb an gegen die Umdeutungen der Geschichte und die Verhackstücklung von Lebensläufen, wie sie seit 1990 über uns gekommen sind. Gegen diese Versuche stellt Rücker seine neuen bislang unveröffentlichten Erzählungen frei nach dem Leitmotiv:
"So ist das, und darum müssen wir (die Schriftsteller) unsere Geschichten unter die Leute bringen, so daß sie von vielen vergessen werden können, aber einigen lebendig bleiben".

Rückers Sprache ist dicht, bildhaft und meist leicht ironisch, wenn nicht ab und zu sogar etwas schwejkhaft. Das Ergebnis: Nur ganze acht Seiten verbraucht der Schriftsteller für "Eine böhmische Erzählung". Sie beginnt weit vor unserer Zeit im nordböhmischen Liberec und schlägt einen Bogen ins heute:
"In einem der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts segnete der Deutschböhme Breitinger das Zeitliche und hinterließ seiner Witwe zweihundertvierzig Quadratmeter Gartenland, darauf ein schuldenfreies Häuschen und einen Sohn. Nach der in Böhmen üblichen Trauerzeit nahm die Witwe Breitinger Beziehungen zu einem anderen Deutschböhmen auf und brachte nach neun Monaten einem schmalen, aber zähen Burschen zur Welt, der seine Mutter liebte und sein Geld als Kutscher und Kohlenausträger verdiente. Als die Witwe zu kränkeln anfing, begab sich der erste Sohn vor Gericht und beantragte, seinen Bruder zu veranlassen, den Mädchennamen seiner Mutter anzunehmen und die Rechte auf das Häuschen ihm, dem ehelichen Sohn Breitinger, zu übertragen. Und so wurde entschieden. Der Mädchenname der Mutter aber war Proházka."
So beginnt die Geschichte um den Familiennamen des Helden Gottfried und dem Bemühen anderer, diesen urböhmischen Namen Proházka einzudeutschen. Das fängt an mit dem österreichischen Kaiser, der den Namen als Spitznamen trug, setzt sich bei den Sudetendeutschen und den Nazis fort und endet schließlich mit einem Hörfehler in der DDR, wo er von nun an Prohaska geschrieben und gesprochen wird. Um diesen "Namensstreit" herum windet sich die Lebenslauf Gottfrieds. Er muss als nun "Sudetendeutscher" in den Weltkrieg II, wird verwundet, kommt in Gefangenschaft, erkrankt immer wieder, wird einmal gerettet von Juden im unmittelbaren Nachkriegs-Auschwitz, aufgepäppelt vom einfachen Russen und noch einmal gerettet, dieses Mal von einem jungen Tschechen. Und er ist überzeugt: "die alle hätten uns doch hassen müssen".
Ähnlich sind die anderen fünf Geschichten des kleinen Buches. Sie stehen für das ausgesprochen humanistische Denken Günther Rückers. Ich kann Ihnen diese Erzählungen nur empfehlen. Schließen möchte ich mit dem letzten Absatz der "böhmischen Geschichte:
"Bitte betrachte mich als etwas Besseres, denn ich trage dass Wort Gott und Frieden mit mir herum und den leider etwas verhunzten Namen eines Kaisers, aber sitze gelähmt auf meinem Arsch und wäre ohne die liebevolle Pflege meiner liebevollen Frau nichts als ein hilfloser Alter. Vergiß das nicht, mein Lieber."
Ich werde dich nicht vergessen, so lange ich lebe, dachte ich, während ich in den Lift stieg, und wäre ich nicht schon so alt und hätte noch viel Zeit vor mir, ich schriebe alles, aber auch alles von deinem Leben auf, was du mir erzählt hast, aber da käme ein Buch oder es kämen zwei Bücher zustande. Also lass ich es sein. Leb wohl, lieber Genosse.


Günther Rücker: "Erste Liebe und anderes",
Bibliothek Weltgeschichtlicher Erfahrung - Band 11
erschienen bei "edition schwarzdruck" Berlin 2007
ISBN 978-3-935194-21-1

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